Der Hilgenstein

An der Grenze der alten Ämter Aurich und Wittmund, wo einstmals die Ardorfer Mühle stand, liegt am nördlichen Ende eines kleinen Eichenwaldes ein großer, vierkantiger Stein. Er heißt noch heute der Hilgenstein. Aber nur wenige noch wissen die Sage, die sich um ihn rankt.

Im Kloster Meerhusen war ein Mönch namens Mimko. Den trieb es, eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande zu machen. Und ein Bruder aus dem Kloster Ihlow, Hayo mit Namen, entschloss sich, mit ihm zu gehen. Nach langer Wanderung gelangten sie nach Jerusalem. Sie beteten am Heiligen Grabe und suchten die anderen heiligen Stätten auf, und sie trafen noch andere Mönche, die gleich ihnen aus Deutschland gekommen waren.

Doch von den Entbehrungen der langen Reise entkräftet, wurden sie von schwerer Krankheit heimgesucht. Und Hayo erlag dem schleichenden Fieber.

Als Mimko den Tod seines Freundes erfuhr, war er so erschüttert, dass er glaubte, er würde ihm bald ins Grab folgen. Er wurde von Heimweh ergriffen, und in seinem Elend flehte er die Jungfrau Maria an, sie möchte ihm beistehen.
Und er tat ein Gelübde, wenn sie ihn gesunden ließe und ihn wieder ins heimatliche Kloster brächte, wollte er ihr sein zukünftiges Leben weihen;
er wollte allein in die Wildnis ziehen und dort als Einsiedler seine Tage beschließen.
Wirklich ward ihm seine Bitte erfüllt. Er genas und kehrte nach langer Wanderung ins Kloster Meerhusen zurück. Und Mimko gedachte seines Versprechens und sagte dem Abte, dass von nun an sein Leben der Gottesmutter gehöre und dass er hinaus wolle, um in der Einöde eine Stätte für sich zu suchen.

Da ging der Abt mit ihm, und sie wählten einen Platz zwischen Middels und Ardorf, dort errichtete sich Mimko eine einfache Hütte. Er nahm zwei Wacholderbüsche aus Meerhusen mit und pflanzte sie links und rechts von seiner Tür. Vom Kloster aus versorgten sie ihn, und er verbrachte seine Tage im Gebet.

Bei den Leuten in den Dörfern hieß er bald der heilige Mann. Und die Kranken kamen zu ihm, und er heilte sie mit einem Stein, den er aus der Mauer des Hauses Jesu in Nazareth mitgebracht hatte. Und für alle, die in Not waren, hatte er ein tröstendes Wort.
Die Wacholderbüsche wuchsen, der Efeu umrankte seine Hütte, und die Bäume des Waldes gaben ihren Schatten. Über dreißig Jahre lebte Mimko an diesem Ort, und er wurde alt und grau.

Da fanden ihn eines Tages die Klosterleute sanft entschlafen auf seinem harten Lager. Sie legten ihn in einen steinernen Sarg und begruben ihn auf dem Kirchhof des Klosters Meerhusen.

Nach mehr als sechshundert Jahren kam der Sarg unter den Wurzeln einer uralten Eiche, die der Sturm gefällt hatte, zutage. Und man brachte ihn nach Emden in das Museum.

Von der Hütte des heiligen Mannes aber blieb nichts als der große Stein, der ihr als Schwelle gedient hatte, und den man den Hilgensteen nennt.

Aus: Buttjer, B. / Brüdigam, D., Sagenhaftes Kloster Ihlow. Illustrierte Geschichten. 2025. S. 30-32. Erhältlich im Klosterladen !

Gemeinde Ihlow