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19.06.20 11:39 Alter: 15 days

Sagenhaftes Ihlow VI

 

An diesem Wochenende bringen wir eine Sage aus dem  Kloster Meerhusen, nordöstlich von Aurich:
Es war ein Zisterzienser-Frauenkloster, wohl Ende des 12.Jahhunderts als Benediktiner-Doppelkloster gegründet.  1219 beschloss man, in den Zisterzienserorden überzutreten - die Nonnen blieben in Meerhusen, die Zisterziensermönche zogen nach Ihlow...

Der Lehrer und Volkskundler Friedrich Sundermann fand das 1869 nicht so interessant - in seiner Sagenerzählung kam es  ihm eher auf eine ausgeschmückte, mystische Story an: Die Wilde Jagd 

... Ein Abt dieses  Klosters (Meerhusen) war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, der lieber mit seiner Meute den Klosterwald durchstürmte und auf Füchse, Hirsche und Hasen pirschte, als seinen Rosenkranz drehte und die Messe las. Die Klosterbrüder, die den scharfen Zügel vermißten, taten wie der Herr Abt und lebten ganz nach ihrem Wohlgefallen, und so war es ein rechtes Behagen in den Klosterhallen.

Dennoch war es in diesem Kloster ordentlich unheimlich, das heißt für eine fromme klösterliche Seele.. Und so eine echte fromme Seele gab es hier denn auch, die von dem gottlosen pflichtvergessenen Treiben der Mitbrüder so unangenehm berührt wurde, daß es ihr unmöglich war, darüber zu schweigen. Mit eingehender Beredsamkeit versuchte der Pater Hilbertus die abirrenden Mitbrüder zum Stundegebt und Rosenkranz, zur Kirche und Messe zurückzuführen, und ein ihm unterstützender Hirtenbrief des hochehrwürdigen und gestrengen Herrn Bischofs sollte ein übriges bewirken.

Leider aber fruchteten weder die mündlichen noch die brieflichen Ermahnungen, und der Klosterwald wurde nach wie vor brav abgepirscht. Das Unwesen nahm so sehr überhand, daß man mehr Jäger als Diener des Herrn in den Klosterbrüdern zu sehen glaubte.

Daher ließ Pater Hilbertus den milden Ton seiner Ermahnungen in den scharfen der Drohungen übergehen, er wurde darin unterstützt durch einen strafandrohenden Hirtenbrief des hochehrwürdigen und sehr gestrengen Herrn Bischofs.

Weil dieser Ton den Klosterbrüdern indessen durchaus nicht behagte, und man sich noch wohl im Wiederholungsfall eines schärferen Tones versehen mochte, so kam man überein, den vermeintlichen Anstifter allen Übels unschädlich zu machen. Da ließ der Herr Abt den unbequemen Mahner in den Klosterturm stecken, versagte ihm auch die sonst übliche, kräftige Klosterkost, den stärkenden Wein und den fetten Ochsenbraten. So wurde aus dem vorhin korpulenten Pfäfflein ein schlottriger Küster.

Alle Unbill vermochte jedoch nicht zu bewirken, daß Hilbertus seiner Brüder ungeziemendes und wüstes Betragen billigte. Vielmehr fand er um so häufiger Anlaß, in den schärfsten Worten die Strafe des Himmels zu verkünden, fand nebenher auch Gelegenheit, dem Bischof die Nachricht von den Ausschweifungen der Mitbrüder zukommen zu lassen.

Als dies geschehen, machte sich der Herr Bischof selbst auf den Weg, den Zustand der verlorenen Seelen in Augenschein zu nehmen. Damals war das Reisen in Vierspännern noch nicht landesüblich, und das Pferd mußte den Reiter tragen. Der Oberhirte erschien deshalb auch hoch zu Roß, und zwar gerade in dem Augenblick, als eben der ganze Troß mit lustigem Trara und Hurra einen Fuchs zu Tode hetzte.

Keine Seele nahm auch nur die geringste Notiz von dem Fremdling, der sich urplötzlich mitten in den Trubel des Vergnügens hineingerissen sah und, er mochte wollen oder nicht, über Stock und Stein mitgezogen wurde.

Endlich war der Wald zu Ende, der Fuchs hätte entwischen können, wenn nicht des hochehrwürdigsten Herrn Bischofs Pferd selber den Ausgang abgeschnitten hätte. Mit einem verzweifelten Satz sprang der Fuchs hinter sich (!) und nach ihm stürmte das wilde Heer zurück in den Busch. Ohne Rast und Ruh ging es im lauten Brausen den Klostergebäuden zu.

Der Herr Bischof hatte ein kräftiges Pferd, das nicht gesonnen war, den Mitrennern den Vorrang zu lassen. So kam es, daß es bald allen voran seinen Reiter um sausenden Flug dahintrug.

Pater Hilbertus, der fromme Bruder, sah durch das Gitter den Zug wieder heranstürmen, und erkannte mit Schrecken den so innig ersehnte Oberhirten.

Den Zusammenhang nicht ahnend, glaubte er sich verraten und schändlich hintergangen. In heißem Gebet flehte er um des  Himmels Rache und bat, daß doch dieser wilde Zug dazu verdammt sein sollte, bis zum Jüngsten Tage so auf Erden dahinzurasen.

Und wie er flehte, so geschah es , die wilde Rotte wurde zum wilden Heer, das in finstern, stürmischen Nächten den Wald durchzieht mit Hurra und Jauchzen, mit Gebell und Geheul, mit wüstem Jubel und Geschrei.

Und trifft es sich, daß ein Wandersmann zu solcher Stunde den Wald durcheilt, so sieht er die wüsten Gestalten in tollem Rasen über sich dahineilen, sieht im blauen Schimmer der Pechfackeln vor allen einen pechschwarzen Rappen dahinschießen, und gellen ihm noch tagelang die Ohren von dem wüsten Lärmen.

 

Bevor wir Gelegenheit haben, das zu erleben, erst einmal:

Allen Freundinnen und Freunden der Klosterstätte

Schöne Sommertage -

bis zum nächsten sagenhaften Wochenende!