Bernhard von Clairvaux (1090-1153) beschreibt in einem Brief in prägnanten Worten die Lebensweise der Zisterzienser vor dem Hintergrund der Reformziele des Ordens: "Unser Orden bedeutet ein Leben der Demut, des Verzichts und freiwilligen Armut, des Gehorsams, des Friedens und der Freude im Heiligen Geist; unser Orden heißt, sich einem Meister zu unterwerfen, einem Abt, einer Regel, einer Disziplin. Unser Orden verlangt Schweigen, Fasten, Wachen und Beten sowie körperliche Arbeit. Vor allem aber sollen wir dem erhabenen Weg der Liebe folgen; in allen diesen Dingen heißt es, Tag für Tag vollkommener zu werden und in ihnen bis zum letzten Tag zu verharren."
Die Bedeutung der Zisterzienser sollte nicht unterschätzt werden. Ihre Klostergründungen waren ein wichtiger Beitrag zur Kultivierung des "jüngeren Europas", des jenseits des ehemaligen Römischen Reiches gelegenen Teiles Europas, also vor allem Deutschlands östlich des Rheins und Osteuropas. Nicht zuletzt Nord- und Mitteldeutschland lagen in der Zeit, als das Wirken der Zisterzienser begann, noch in weitgehender "Einsamkeit", abseits der "zivilisierten Welt. Die großen "Zentren der Welt" waren weit entfernt.
Das Ziel der Zisterzienser war die Erneuerung des religiösen Lebens. Dieses Ziel verband sich ideal mit deren praktischen Fertigkeiten. Ihre Siedlungen in der "Wüste", das heißt in oft unwegsamer, dicht bewaldeter Landschaft oder in Moor- und Sumpfgebieten machte sie zu Experten für Rodungen, für Fischzucht, im Mühlenbau, wovon, sozusagen ganz nebenbei, auch die Menschen in ihrem Umfeld profitieren konnten. Für Fürsten, Grafen, Bischöfe und andere Herrschaftsträger waren sie die idealen Partner für die agrarisch-technische Landeserschließung des Hochmittelalters.
Der Erfolg und die zahlenmäßige Größe des Zisterzienserordens sind für uns heute, wenn wir diese Worte lesen, nur noch schwer nachvollziehbar. Denn die Mitgliedschaft in diesem Orden verlangte den Mönchen in radikaler Weise ein äußerst entbehrungsreiches Leben in harter Arbeit ab. Vor allem muss man dabei bedenken, dass die Mitglieder dieses Ordens durch Herkunft und Bildung meist der gesellschaftlichen Elite ihrer Zeit angehörten, für die körperliche Arbeit eigentlich etwas entehrendes bedeutete. Die Mehrzahl wird zuvor ein Leben geführt haben, das viel weniger entbehrungsreich war als das eines Zisterziensers oder der großen Mehrheit der Bevölkerung. Auch wurden die Mönche nicht, zumindest in den ersten Generationen, in traditioneller Weise schon als Kinder von ihren Eltern dem Orden übergeben.
Arbeit, Liturgie und Gebet richteten sich bei Ihnen nach der Benediktsregel. Gottesdienste und Gebetszeiten nahmen etwa sechs Stunden täglich ein. Schon mitten in der Nacht begannen die ersten Gebete. Der Tagesrhythmus richtete sich noch nach der Sonne, da mechanische Uhren, die den uns gewöhnten gleichmäßigen Zeittakt ermöglichten, erst zum Ende des Mittelalters in Gebrauch kamen. Demnach verschoben sich die Tagzeiten der Mönche je nach Jahreszeit.
2.00 Uhr: Vigilien (Nachtwachen)
3.15 Uhr: Laudes (Lobgebet zur Morgendämerung)
4.30 Uhr: Prim (Gebet zur ersten Stunde), Kapitelsitzung
5.00 Uhr: Arbeit
7.45 Uhr: Terz (Gebet zur dritten Stunde)
08.00 Uhr: Konventmesse
08.50 Uhr: religiöse Lektüre, Arbeit
10.40 Uhr: Sext (Gebet zur sechsten Stunde)
11.00 Uhr: Mittagessen
14.00 Uhr: Non (Gebet zur neunten Stunde)
14.30 Uhr: Arbeit
18.00 Uhr: Vesper (Gebet zum frühen Abend)
18.40 Uhr: Abendessen
19.00 Uhr: Komplet (Gebet zum Tagesschluss)
20.00 Uhr: Nachtruhe
Andreas Litzke
Mit freundlicher Genehmigung durch den Pilgerweg Loccum-Volkenroda