Für die außerordentliche zivilisatorische und kulturelle Bedeutung der Zisterzienser war deren Spiritualität von herausragender Bedeutung. Hierunter verstand man im mittelalterlichen Mönchtum die Abwendung von der Welt und die Hinwendung zu Gott im Gottesdienst und der Askese.
Die Zisterzienser und die anderen mittelalterlichen Reformorden versuchten einen Weg zu gehen, der sie zur Lebensweise des Urchristentums und des frühen Mönchtums zurückführen sollte. Ihr Ziel war die Erneuerung des religiösen Lebens, der vita religiosa. In ihrer Suche nach den wahrhaftigen, ursprünglichen Formen christlich-mönchischen Lebens schufen sie in Wirklichkeit aber etwas völlig neues.
Mit ihren Idealen standen sie jedoch im entschiedenen Gegensatz zum traditionellen Mönchtum. Deren prägendste und einflussreichste Gemeinschaft waren die Cluniazenser. Einst waren diese selbst zur Erneuerung des benediktinischen Mönchtums aufgebrochen. Zahllose Klöster ganz Europas hatten sich der vom burgundischen Kloster Cluny ausgehenden Reform angeschlossen. Längst aber waren sie, so der Vorwurf, von der urchristlichen Armutsverpflichtung und mönchischen Lebensweise abgekehrt. Besonders kritisiert wurden die reichhaltigen und raffinierten Mahlzeiten sowie die kostbare Kleidung der Cluniazensermönche oder das prunkende Auftreten ihrer Äbte. Mit riesigem Gefolge gleich einem Fürsten oder König bereisten sie ihre Klöster und die Welt. Auf ebensolche Ablehnung stießen die unermesslichen Schätze ihrer Klöster.
Demgegenüber versuchten die Zisterzienser das von ihnen propagierte Ideal der Armut schon durch die Schlichtheit in ihrem Auftreten darzustellen. Sie trugen lediglich eine einfache Kutte aus ungefärbter Wolle mit weiten Ärmeln und Kapuze. Die Farbe ihres Gewandes gab ihnen den Beinamen "die grauen Mönche".
Die auf das wesentliche reduzierte Form des neuen Ordens fand indessen den bis heute augenfälligsten Ausdruck in der Nüchternheit der Bauweise ihrer Kirchen sowie im weitgehenden Verzicht auf kirchlichen Schmuck und in der einfachen Gestaltung liturgischer Gegenstände. Handschriften sollten einfarbig und nicht ausgemalt, Glasfenster weiß und ohne Kreuze und Bilder sein. Auf jeglichen Skulpturenschmuck wurde, zumindest anfangs, gänzlich verzichtet. Charakteristisch für Zisterzienserkirchen war der Verzicht auf einen Glockenturm. Lediglich ein kleiner Dachreiter war erlaubt. An diesem auffälligen Merkmal sind Zisterzienserklöster oft heute noch leicht zu erkennen. Loccum oder Amelungsborn sind hier nur zwei Beispiele. Allerdings findet man am deutlichsten zisterziensische Formensprache in der Architektur heute vorwiegend in den verlassenen Ruinen ihrer Klöster. Denn viele Kirchen der Zisterzienser wurden noch lange nach Verlassen der Klöster, bis in die Neuzeit, genutzt und im jeweiligen modernen Stil ihrer Zeit umgebaut.
Ihre Klöster gründeten die Zisterzienser häufig in der Einsamkeit, in der "Wüste". Dies war der Versuch, ihr Ideal der Abkehr von der Welt zu verwirklichen. Nur so, meinten sie, Gott näher kommen zu können. Erst durch dieses aus dem Glauben motivierte Bestreben konnten sie zu den idealen Kolonisatoren weitgehend noch unkultivierter Gebiete Europas werden. Damit erschlossen sie, entgegen ihren ursprünglichen Intentionen, der Welt der Menschen neue Räume.
Auch die Liturgie der Zisterzienser wurde stark vereinfacht. Sie ersetzten lange Gottesdienste durch gemeinsame Handarbeit. Die Arbeit nahm gegenüber dem Beten wieder einen gewichtigeren Platz ein. Trotzdem dauerten Gottesdienste und Gebetszeiten täglich insgesamt noch immer etwa sechs Stunden. Im die Gebete begleitenden Gesang griffen die Zisterzienser wieder auf die Tradition des einfachen Gregorianischen Chorals zurück.
In ihrem Bestreben, zur Urkirche zurückzukehren, wurden sie sogar zu Vorreitern in geisteswissenschaftlichen Methoden der Textkritik. Sie verglichen die verschiedenen in den Handschriften überlieferten Textfassungen der Bibel miteinander und schufen so eine Bibelfassung, die sie für die authentische hielten.
Der Erfolg und die explosionsartige Ausbreitung des Ordens führten jedoch im Laufe der Zeit zu zahlreichen, gutgemeinten Schenkungen. Zusammen mit seiner erfolgreichen Wirtschaftsführung und seinen Innovationen im agrartechnischen Bereich wurde der Zisterzienserorden so in kurzer Zeit zu einer überaus wohlhabenden Einrichtung. Er wurde, entgegen seinem ursprünglichen Aufbruch, zurück zur Armut der frühen Christen und Mönche zu kehren, quasi unfreiwillig zu einem weiteren reichen monastischen Orden; einer der Gründe, warum dann dann im 13. Jahrhundert wiederum neue Orden auftraten, vornehmlich die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner. Diese versuchten nun in einem abermaligen Anlauf zu den ursprünglichen christlichen und mönchischen Idealen zurückzukehren.
Die Spiritualität der Zisterzienser hatte Wirkungen, die Weit über ihre Klostermauern in die Gesellschaft hinausreichten. Vor allem in ihrer Frömmigkeit übten sie großen Einfluss aus: Das bis heute in der katholischen Kirche gefeierte Fronleichnamsfest (am Donnerstag nach Trinitatis, dem Sonntag nach Pfingsten) wurde erstmals 1252 in einem Zisterzienserkloster gefeiert. Es wurde im Laufe des Mittelalters zu einem der wichtigsten kirchlichen Feste überhaupt.
Ebenso hatten die Zisterzienser an der Verbreitung der im Mittelalter so bedeutenden Marienverehrung ihren Anteil. Denn die Mutter Jesu stand bei ihnen in besonderer Verehrung. Maria wurde zur Patronin jeder Zisterzienserkirche, weshalb alle ihre Kirchen Marienkirchen sind. Jedes Konventssiegel musste das Bild der "Gottesmutter" zeigen. Auf solchen Siegeln findet sich dann erstmals das Motiv Schutzmantelmadonna, eine für die weitere Kunstgeschichte bedeutsame Darstellung Marias. Die Bezeichnung "Unsere liebe Frau" für Maria geht schließlich gleichfalls auf die Zisterzienser zurück.
In der Mystik und die Theologie hinterließ der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux (1090-1153) kaum zu überschätzende Spuren in der gesamten mittelalterlichen Kultur. Er ist damit nicht nur einer der geistigen Väter der Zisterzienser.
Es erstaunt dann nicht mehr, dass die Zisterzienser auch politisch einflussreich wurden. Schnell wurden sie zu gefragten Ratgebern bis hin zum Kaiser. Die Zugehörigkeit zu diesem Orden galt besonders beim Adel als Zeichen besonderer Frömmigkeit. Bereits 1145, also noch nicht einmal zwei Generationen nach Gründung des Ordens, wurde mit Eugen III. erstmals ein Zisterzienser Papst. Und Kaiser Friedrich II. ließ sich nach seinem Tod 1250 sogar in der Kutte eines Zisterziensers aufbewahren.
Die Liturgie der Zisterzienser, die sich auf einfache und auf das wesentliche reduzierte Formen stützte, sowie die Schlichtheit ihrer Kirchen, weisen sogar auf Gedanken und Vorstellungen hin, wie sie wieder, am Ende des Mittelalters, zur Zeit der Reformation wichtig wurden. Und Martin Luther schätzte Bernhard von Clairvaux als den einzigen Theologen aus dem Mittelalter in besonderem Maße. Er war für ihn einer der letzten "Kirchenväter". Bernhards Mystik und Spiritualität sollte auch Luthers Denken bewusst und unbewusst beeinflussen.
Andreas Litzke
Mit freundlicher Genehmigung durch den Pilgerweg Loccum-Volkenroda